2025 – Anne Doris Borgsen – Philipp Donald Göbel

2025 – Anne Doris Borgsen – Philipp Donald Göbel

Vom Vergessen und Wiederfinden

Zu den Arbeiten von Anne Doris Borgsen und Philipp Donald Göbel

Borgsen und Göbel arbeiten seit 30 Jahren zusammen, jeweils auf eigene und unverkennbare Art. Ihre Arbeiten haben mich stets beeindruckt: eigenwillig, kraftvoll, manchmal verstörend, aber immer aufrichtig und voller Leben.

Ihre Werke entstehen nicht in einem linearen Prozess – vielmehr folgen sie Zyklen, in denen Wege eingeschlagen, verlassen, wiederentdeckt oder weiterentwickelt werden. Ihre künstlerische Praxis ist von einer fortwährenden Bewegung geprägt, die sich dem Bekannten entzieht und das Unvorhersehbare sucht.

Die Arbeiten von Göbel sind oft ausufernd, laut und gewaltig: Überlagerungen, Verdichtungen, dicke Schichten aus Material – oft sogar aus Fragmenten früherer Werke. Seine Arbeiten wirken bisweilen zerstörerisch und archaisch.

Anne Doris Borgsen entwickelt ihre Kunst unter Bedingungen größtmöglicher Reduktion: minimalistische Eingriffe, präzise Setzungen und Faltungen, eine zurückhaltende, fast meditative, meist elegante Bildsprache, die sich mitunter in das Dreidimensionale erweitert.

Obwohl wir es auf den ersten Blick mit abstrakter Kunst zu tun haben, fällt es schwer, sich der Versuchung zu entziehen, Formen zu deuten: ein Körper vielleicht, ein Gesicht, ein Wesen. Unsere Wahrnehmung sucht nach Vertrautem – in einer Welt, die vom Gegenständlichen geprägt ist, erscheint das fast unvermeidlich. So beginnen die Werke mit uns zu sprechen, und wir treten in einen stillen Dialog mit ihnen. Tatsächlich wirken manche Arbeiten fast wie Lebewesen – seltsam, rätselhaft, vielschichtig. Sie wachsen aus der Fläche in den Raum, formieren sich neu, bestehen aus Fundstücken, Spuren – und sie erzählen Geschichten.

Borgsen und Göbel geben keine eindeutigen Antworten – und genau darin liegt ihre Stärke: Sie fordern uns heraus, lassen sich nicht sofort erschließen, bleiben sperrig, verletzlich. Was beide eint, ist der konsequente Versuch, sich selbst mit der eigenen Kunst nicht zu langweilen. Sie weichen der Routine aus, vermeiden Wiederholung, bleiben in Bewegung. Ihre Werke entstehen in einem ständigen Prozess der Erneuerung.

Sie verbindet eine tiefgehende Auseinandersetzung mit dem Medium selbst – mit den Möglichkeiten, Neues zu finden auf der Basis von Vertrautem. In den sparsamen Gesten von Borgsen wie in Göbels aufgeladenen Bildkörpern wird sichtbar, dass das vermeintlich Vergessene nie ganz verschwindet. Es schreibt sich ein – wird wiedergefunden, Schicht für Schicht, Spur für Spur, Faltung für Faltung.


Dietrich Schulze
Berlin, 16.04.2025