2023 – Irina Martyshkova

2023 – Irina Martyshkova

auf Abstand so nah

13.08.2023-01.10.2023

Eröffnung: 13.08.23, 11:30 UHR
Begrüßung: Franz-Josef Laforet, Vorsitzender
Einführung: Prof. Dr. Erich Franz, Münster

Nichts in den Bildern von Irina Martyshkova erscheint fertig. Keine Form steht fest, kein Motiv lässt sich erkennen. Wir finden keine Wiederholung, keine Symmetrie, die bestätigen könnte, was wir sehen. Alles verwandelt sich unter unserem Blick. An jeder Stelle entsteht etwas, gerät in Bewegung, folgt einem unerwarteten Impuls. Die Linien unterbrechen ihre Verläufe, die Farben fließen ineinander, lösen sich auf, die Formen verlieren ihre Ränder. Und doch: aus all diesen unfertigen Ansätzen entsteht etwas Fertiges: ein Bild, ein Raum.

Die Bewegungen des Pinsels liegen offen zutage. Sie fließen, drängen sich zusammen – und weiten sich aus zu dünnen Schleiern. Man spürt ihre unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Lange Bahnen verlaufen über das Bildfeld, werden unterbrochen, folgen neuen Impulsen, sammeln sich, driften auseinander, verwehen in hauchdünnen Spuren. Zwischen den gemalten Partien tauchen dünne Bleistiftlinien auf. Sie bilden verknäuelte und spitze Verläufe und vermehren sich zu Schwärmen. Die gezeichneten Linien stören die farbigen Pinselbahnen, überlagern sie bisweilen oder werden von ihnen überstrichen.

So eigenwillig und widersprüchlich diese Farbverläufe und Zeichnungsspuren auch wirken: Sie ergänzen sich dennoch auf geheimnisvolle Weise. Kein Vorgang überstimmt die anderen, tritt aufdringlich hervor. Wie beiläufig bewegen sie sich nebeneinanderher – als nähmen sie aufeinander Rücksicht. Einer umspielt den anderen, bezieht sich auf dessen Richtung oder variiert dessen Verlauf auf seine Weise.

All diese widersprüchlichen Setzungen – das wird zunehmend deutlich – treten miteinander in Dialog. Eine Bewegung steigert die andere. Gegensätze heben einander hervor. Was aus der Ferne auffällt, verliert – von Nahem betrachtet – seine klaren Ränder. Es entstehen Beziehungen – zwischen Farbe und Linie, zwischen dem Auffälligen und dem kaum Sichtbaren. Es bilden sich Räume. Wie sorgsam Martyshkova die einzelnen Ansätze zueinander in Beziehung setzt, zeigt sich an ihren „Collagen“ aus ausgeschnittenen Pinselspuren.

Auch ihre fotografischen Arbeiten, die sie immer neben der Malerei verfolgt, richten sich nicht auf besondere Motive, sondern auf Zwischenräume: auf den Moment, der zwischen ihnen entsteht.

Eine friedliche Koexistenz des einander Fremden.Dafür sind Irina Martyshkovas Gemälde wahre Modelle. Jedes Bild: eine wirbelnde, unüberschaubare, lebhafte Koexistenz.

[Teil 2, im Katalog bitte zu den Bildern von 2019 (dunkelgrundig) – 2023]

Bis 2019 verliefen in Martyshkovas Bildern die Farbspuren und Linien auf hellem Grund – ähnlich wie in einer Zeichnung. Bisweilen zogen sich durchlässige, kaum sichtbare Farbspuren über diesen hellen Untergrund und bildeten eine dunstige Schicht. Doch nun gewinnen die Bilder Tiefe und Licht. Ein Raum aus Farbe erfüllt das Bild – eine schwärzliche Dunkelheit, ein dumpfes Grün oder ein gedecktes Gelb, das in schwarzem Schatten versinkt. Aus höhlenartigen Schatten leuchten farbige Spuren hervor. Sie verschwimmen weich oder jagen blitzartig über den Farbraum dahin.

In Martyshkovas Bildern aus den Jahren 2020–2022 spürt man einen tiefgreifenden Wandel. Das Verhältnis des Gemäldes zum Blick, der es betrachtet, wird ein anders. Bisher traten die Verläufe der Farbe aus der Fläche hervor: Sie näherten sich dem Blick. Nun ziehen sie sich zurück, als wollten sie sich verbergen – in einem entrückten Raum.

Die Kommunikation zwischen Bild und Blick wird leise, fast stumm. Es sind Bilder aus der Isolation. Als die Künstlerin 2020/21 ein Stipendium in Paris hatte, galt dort strenge Ausgangssperre – Corona-Pandemie. Damals starben ihr Großvater und bald darauf, im fernen Omsk, ihr Vater. Seit dem 24. Februar 2022, dem Ausbruch des Krieges, war sie mehrere Wochen im Schock, gelähmt. In Japan begann ein neues Stipendium. In der Begegnung mit dem Land und in der Klasse von Professor Hiroshi Sugito an der Universität der Künste in Tokyo fand sie neue Ansätze, um ihre Arbeit zu entwickeln.

Damals entstanden nur wenige Gemälde. Sie sind klein und wirken still, verhalten, zurückhaltend. Weiterhin ziehen Bewegungen aus Farbe durch die Bilder. Aber sie grenzen sich nicht ab, bleiben unscharf. Die Pinselspuren erscheinen weich, wie mit dem bloßen Finger aufgetragen. Die Farben tauchen auf wie im Nebel – dunkles Blau, dumpfes Grün, geheimnisvolles Violett, helles Rot, transparentes Türkis. Manche von ihnen entdeckt man erst allmählich. Aus dichtem farbigem Dunst schimmern schwebende Gebilde hervor, Schlieren, Streuungen, Rhythmen, Streifen. Der Blick verweilt und dringt langsam ein. Das Erkennen findet kein Ende.

Allmählich, seit dem Frühjahr 2023, öffnen sich Irinas Bilder wieder. Weiterhin erscheinen die Vorgänge ungeregelt – und dennoch ausgewogen. Gestreute Punkte und leichte Schlieren weiten sich in den bildlichen Raum und nehmen die umgebende Farbe mit sich. Etwas Neues strömt in ihren Bildern: dieser fließende Raum, dieses fließende Licht.

Video von der Ausstellungseröffnung: Susann Maucher